CORONA: RADIKALER ENTWICKLUNGSSTOPP IM NACHWUCHSFUßBALL

Im Sommer 2019 hatte der 6-jährige Finn bei den Bambinis in seinem Heimatverein mit dem Fußballspielen angefangen. Anfangs war es noch sehr holprig, weil der Ball nicht so wollte wie er sich das vorstellt. Auch die Lust und der Spaß hielten sich in den ersten Wochen noch sehr versteckt, denn eigentlich wollte Finn nur Tore schießen und nicht das ganze „Drumherum“. Doch dann Anfang des nächsten Jahres war Finn ganz heiß aufs Training und insbesondere auf die tollen Spieltage: Der Ball machte mittlerweile das, was er auch sollte, er hatte neue Freunde gefunden, erste richtige Tore geschossen oder als Torspieler verhindert und sogar schon einen kleinen Pokal für den dritten Platz auf einem Turnier gewonnen. Finn hatte so einen Spaß mit seinen Freunden in der Mannschaft und mit dem tollen Trainer, dass ihm das Training zweimal in der Woche zu wenig wurde. Doch genau zu dem Zeitpunkt kam Corona – kam der erste Lockdown.

Julian ist 12 Jahre alt und seit einem Jahr darf er als talentierter Spieler zum DFB-Stützpunkttraining. Julian spielt seitdem er 7 Jahre alt ist Fußball: Zuerst kickte er in seinem Dorfverein, bis er mit 10 Jahren zum benachbarten höherklassigen Verein wechseln konnte, bei dem er sich nicht nur als Stammspieler, sondern auch als Stützpunktspieler qualifizieren konnte. Im wöchentlichen DFB-Stützpunkttraining mit den qualifizierten DFB-Trainern darf Julian auf sehr hohem Niveau trainieren, wird ganz individuell gefördert und kann an seiner Technik feilen. Durch dieses Training gewinnt Julian mittlerweile fast jeden Zweikampf, geht in tolle Dribblings und ist äußerst torgefährlich geworden. Er spielt mutig, wie es die DFB-Trainer immer fordern und fördern. Julian liebt und lebt den Fußball. Mit seiner Art, Fußball zu spielen, reißt er alle mit – seine Mitspieler aber auch die Zuschauer. Julian war auf einem sehr guten Weg, bald den nächsten Schritt machen zu können. Doch genau zu dem Zeitpunkt kam Corona – kam der erste Lockdown.

Mattis ist 15 Jahre alt und darf als talentierter Spieler seines 2006er-Jahrgangs (U16) seit dem Sommer bereits in der U17 mittrainieren. Die ersten Monate als jüngster Spieler sich in der „neuen“ Mannschaft waren nicht ganz so einfach. Doch Mattis hat sich schnell an das höhere Niveau, an das schnellere Tempo und an den körperlich noch härteren Fußball gewöhnt. Verlor er anfangs noch das ein oder andere Laufduell, ist er mittlerweile immer öfter der Gewinner – auch mal auf Kosten des eines Eisbein oder dem Ellenbogen in den Rippen. Er war angekommen. In seinen absolvierten Spielen hat Julian als Innenverteidiger sogar schon einige todessichere Tore durch einen mutigen körperlichen Einsatz verhindern können. Das war dem Trainer sogar ein Lob vor gesammelter Mannschaft wert. Mensch war Mattis stolz – und seine Eltern. Doch genau zu dem Zeitpunkt kam Corona – kam der erste Lockdown.

Allen drei Spielern, dem Finn genauso wie Julian und Mattis, wurde von einem Tag auf den anderen die Notbremse gezogen: Eine Notbremse ohne Weiterfahrt. Von einem Tag auf den anderen stand der Kinder- und Jugendfußball still: kein Training mehr – keine Spiele mehr. Kein Fußball. Die Trainer in den Vereinen versuchten alles, um wenigstens ein bisschen dieses Stillstandes abzufangen. Äußerst kreativ waren sie alle! Aber mal ehrlich, inwiefern kann das Finn, Julian oder Mattis auf ihrem Weg wirklich weiterbringen bzw. hat es sie weitergebracht? Haben sie sich im fußballerischen Sinne dadurch weiterentwickeln können?

Finn hatte endlich Anschluss und Freunde beim Fußballtraining gefunden, hatte Spaß mit seiner Mannschaft, hat sich gefreut, den Ball am Fuß sogar gegenüber einem echten Gegner behaupten zu können, hatte erste richtige Tore geschossen… Das Home-Training war okay – aber ohne seine neuen Freunde. Und echte Spiele gab es auch nicht… eine sehr lange Zeit. Für Finn entfernt sich der Fußball immer mehr.

Julian war fußballerisch in einem großartigen Aufschwung. Das DFB-Stützpunkttraining hat ihm so viel gebracht, dass seine individuell verbesserte fußballerische Entwicklung ihm ein Probetraining in einem nahegelegenen NLZ beschert hatte. Das Training wäre am 30. März 2020 gewesen. Aus bekannten Umständen fand das Probetraining bis heute leider nicht statt und auch Julian musste viel Zeit allein mit Online-Training verbringen. Immerhin kann er sich fußballerisch im Individualtraining bei einer Fußballschule etwas weiterentwickeln. Doch Fußball ist ein Mannschaftssport, der vom Training und von den Ligaspielen mit der Mannschaft lebt und wächst. Julians fußballerische Entwicklung wurde radikal gestoppt und für lange Zeit nahezu stillgelegt. Wird er das je wieder aufholen können? Wird er an seine alten Leistungen anknüpfen können? Nicht unmöglich, aber definitiv etwas schwieriger. Auch sein Traum, der so nah war, mal bei einem Bundeligaverein spielen zu können, ist vorerst geplatzt. Auch das DFB-Stützpunkttraining ist Geschichte, weil er mittlerweile zu alt ist.

Mattis ist mittlerweile fast 18 Jahre alt und steht kurz vor dem Übergang vom Jugend- in den Herrenfußball. Der Herrenfußball ist eine ganz Hausnummer, auf den man grad in den letzten Jahren des Jugendfußballs vorbereitet wird. Wird Mattis es in die heimische erste Mannschaft schaffen? Er hat unterbrochen fast zwei Jahre keinen richtigen Fußball mehr gespielt. Vor Corona hätte er nicht im Traum daran gezweifelt. Jetzt scheint es durch die auferlegte Entwicklungsbremse traurige Realität für ihn zu sein.

Radikaler Entwicklungsstop bei allen drei. Was macht das mit unseren Kindern?
Totale Umorientierung bei Finn? Frust bei Julian? Aufgeben bei Mattis?

Wie geht es Euren Kindern? Nach langer Pause durften unsere Kids nun ein halbes Jahr wieder ihrer Leidenschaft – dem Fußballspielen – nachgehen. Nun wurden im Dezember die Maßnahmen wieder strenger und auch der Fußball musste darunter leiden. Eine weitere Fußballpause ertragen unsere Kinder doch nicht…

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